TIROLER TAGESZEITUNG, Leiter: „Die UEFA feiert einen Totentanz“

von Florian Madl, Ausgabe vom Donnerstag, 1. Juli 2021

Innsbruck (OTS) Fans versetzt die Fußball-EM in Ausnahme-, die Virologen in Alarmzustand. Dass mit freiem Oberkörper und ohne erkennbare Abstandsregel gefeiert wird, ist dem Diktat der UEFA und einem politischen Kniefall zuzuschreiben.

Pünktlich zu den ersten Menschenansammlungen im Zuge der Fußball-Europameisterschaft kramte die Frankfurter Allgemeine wieder die „Ischgl-Platte“ aus dem Archiv. Als hätte der ungeschickte Umgang mit dem Massenphänomen Tourismus in den Urzeiten der Pandemie etwas mit Tribünenbildern zu tun, wie wir sie augenblicklich in Budapest, Kopenhagen oder London erleben. Mit der leidvollen Erfahrung von 16 Monaten Pandemie kann nämlich keiner behaupten, „alles richtig gemacht“ und „nichts gewusst“ zu haben. Jeder Volksschüler versteht sich mittlerweile auf Selbsttests, vom Corona-Vokabular à la Delta-Mutation, 7-Tage-Inzidenz oder Aerosol ganz zu schweigen. Kurzum: Wir und umso mehr die für das Zeitgeschehen Verantwortlichen wissen, dass körpernahe Kontaktaufnahme in einem beengten Raum zwangsläufig die Infektionsgefahr hebt. Und Singen? Rufen? Erklären Sie einem England-Fan nach dem Siegestor von Harry Kane, dass sich er und 42.000 andere im stummen Schrei üben sollen.
Was diese EURO anbelangt, so wurde von der UEFA einiges richtig gemacht: der allgemeine Umgang mit dem Zusammenbruch Christian Eriksens, die „Regenbogen-Diskussion“ (Diversität), die Rassismus-Debatte (Niederknien vor dem Anpfiff). Aber im Grundlegenden versagte der europäische Verband. Nicht nur, dass man trotz Pandemie auf keine Pan-EURO verzichten wollte – vermehrtes Reiseaufkommen führt zwangsläufig zu höherem Infektionsgeschehen. Auch die Fan-Beschränkung im Stadion wurde lediglich begutachtet, nicht gelenkt. So konnte der ungarische Machthaber Viktor Orbán wie schon bei seinen politischen Irrflügen jegliche Corona-Limits außer Kraft setzen und mit einer gefüllten Ferenc-Puskás-Arena den starken Mann markieren.
London knickte ein, als es trotz erhöhten Infektionsgeschehens das Wembley-Stadion zum Forschungsprojekt für Öffnungsschritte erhob. Statt 45.000 dürfen zu Halbfinale und Finale bald 65.000 ins Stadion, ein möglicher England-Triumph heiligt offensichtlich die Mittel. Nur Russland, wo die Zahl der Corona-Toten einen Rekordwert erreicht, reagierte. In St. Petersburg wurde die Anzahl der Fan-Meilen-Besucher von 5000 auf 3000 reduziert: Das wäre so, als würden sie vor einem Frontal-Zusammenstoß die Stoßstange ein wenig fester schrauben. Die UEFA feiert dieser Tage einen Totentanz. Denn während Fans ihrer Mannschaft folgen, begleiten sie Coronaviren auf Schritt und Tritt. Wir haben nicht nur wenig richtig gemacht, viel schlimmer noch: Wir haben offensichtlich nichts daraus gelernt.

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